Online-Gschichtl Nr. 96

Greißlereien an jeder Straßenecke - Teil 1

Nach den Gasthäusern möchte sich Michael Schiebinger in zwei Teilen den Greißlereien in Mannersdorf widmen, die einst fast an jeder Straßenecke zu finden waren.

 

Um 1900 wurden in Mannersdorf etliche Gemischtwarenhandlungen im Zentralen Gewerbekataster ausgewiesen, diese wurden von Anna Berthold, Karl Berthold, Anton Czuka, Johann Domayer, Karl Hofschneider, Matthias Infanger, Alois Knauer, Johann Kopf, Heinrich Ondraschek, Alois Schutzbier, Ludwig Spiess und Rudolf Swoboda geführt. Als Greißlerin wurde explizit nur Franziska Hauke angeführt und als Krämerladen galten die Geschäfte von Franz Josef Bergles, Anna Schutzbier, Peter Weinkum und Anton Zwerger. Wie sich noch zeigen wird, waren viele der Mannersdorfer Kaufleute im späten 19. Jahrhundert und auch noch zur Jahrhundertwende von auswärts, meist aus Böhmen und Mähren, zugezogen. Nur wenige Kaufmannsfamilien waren bereits seit Generationen in Mannersdorf ansässig. Der Beruf war stark männlich dominiert, meist wurde der älteste Sohn zum Nachfolger im Geschäft bestimmt. Es gab aber auch Quereinsteiger, meist Zweitgeborene, die nicht dem Handwerk des Vaters nachfolgen brauchten, stattdessen den Kaufmannsberuf erlernten und ihr eigenes Geschäft gründeten. Trotz der männlichen Dominanz, führten auch einige Frauen die Mannersdorfer Greißlereien. Meist waren es Witwen, die nach dem Tod ihres Mannes dessen Laden weiterbetrieben und sich so ihren Lebensunterhalt sicherten.

Einige der Geschäfte hatten sich auch auf bestimmte Handelswaren spezialisiert, so gab es bei ihnen Mehl, Petroleum oder Spirituosen, die so nicht jeder Händler führen durfte. In den Geschäften fand sich eine „Budl“, hinter der die Greißlerin oder der Greißler die Kunden empfing. Man gab bekannt, was man brauchte und erhielt es ausgehändigt, eine Selbstbedienung kannte man nicht. Die Waren gab es vielfach noch nicht in abgepackten Einheiten, sie wurden „offen“ verkauft. Wollte man dieses oder jenes kaufen, so musste man die benötigte Menge bekannt geben. Der Greißler ging dann an seinen Schubladenschrank und schöpfte die Menge mit einer Schaufel heraus. Die Ware wurde dann abgewogen und vielfach in Papierstanitzel abgefüllt. Später gab es dann bestimmte Lebensmittel bereits in entsprechenden Verpackungen, Gebinde wie Petroleum oder Öle wurde aber weiter aus Fässern in gewünschten Mengen abgezapft.

Die Blüte des Kaufmannswesens im Markt Mannersdorf reichte von der Jahrhundertwende bis in die Zwischenkriegszeit, danach verstarb eine ganze Generation an Kaufleuten. Ihre Kinder übernahmen teilweise die Geschäfte, mancher Betrieb musste aber auch schließen, da die zur Nachfolge bestimmten Söhne im Zweiten Weltkrieg gefallen waren. Seit der Ersten Republik bestand in Mannersdorf zudem die Konsum- und Spargenossenschaft, die zeitweise mehrere Filialen im Ort betrieb. In den 1960er-Jahren bekamen die Greißlereien dann starke Konkurrenz durch die aufkommenden Supermärkte und konnten nicht mehr wirtschaftlich mithalten – auch erreichten viele Kaufleute nun ihr Pensionsalter. So verschwanden bald die meisten kleinen Gemischtwaren- und Lebensmittelgeschäfte aus dem Ortsbild. Und so lohnt ein kleiner Spaziergang in die Vergangenheit zu den einzelnen Greißlereien von Mannersdorf.

Beginnen wir bei der Greißlerei von Anna Berthold, diese befand sich in der Neustiftgasse im Eckhaus gegenüber dem Gasthaus Kopper. Das Geschäft von Karl Berthold lag auf der Halterzeile. Karl und Anna hatten 1894 geheiratet und führten als Kaufleute jeweils ihre beiden Geschäfte. 1903 legte Anna ihr Gewerbe zurück, während Sohn Karl Josef Berthold später auch als Kaufmann tätig war.

Kaufmann Heinrich Zotter hatte sein Geschäft gleich ums Eck beim Brunnbergl. Die Familie Zotter stammte aus Wilfleinsdorf, Heinrich wurde dort 1894 geboren und war nach Mannersdorf zugezogen. Hier heiratete er 1928 Margareta Bolfán aus Steinamanger/Szombathely in Ungarn. Beide übergaben das Geschäft an Herrn Wenisch als sie in die USA auswanderten. Später kehrte das Ehepaar Zotter nach Mannersdorf zurück, wo sie Anfang der 1970er-Jahre verstarben. Herr Wenisch führte das Geschäft alleine, in den Ferien halfen daher auch ältere Schüler im Laden aus. Später eröffnete Herr Wenisch ein kleines Geschäft in der Roseggergasse.

Das „Warenhaus“ von Anton Czuka befand sich am östlichen Ende der Jägerzeile (Nr. 54). Czuka war 1840 in Eisgrub/Lednice in Südmähren geboren worden, wo er 1880 Maria Pari(t)sch geheiratet hatte. Bald darauf muss das Paar nach Mannersdorf gekommen sein, da ihre Kinder bereits hier zur Welt kamen. Anton Czuka dürfte sein Geschäft in der Jägerzeile nicht einmal 20 Jahre geführt haben, da er bereits 1901 als „Krämerei- und Hausbesitzer“ verstarb. Bald danach wurde das Geschäft vom Ehepaar Anton und Maria Prinzjakowitsch übernommen, das aus Engelhartstetten zugezogen waren, wo sie bereits eine Gemischtwarenhandlung betrieben hatten. In Mannersdorf kam 1911 Tochter Marie zur Welt, die in den 1930er-Jahren das Geschäft der Eltern fortführen sollte.

Ebenfalls in der Jägerzeile (Nr. 48) war das 1880 gegründete Geschäftslokal von Maria Leitner angesiedelt. Maria stammte aus St. Martin im Innkreis und hatte 1907 in Mannersdorf den 65-jährigen, verwitweten Kaufmann Josef Leitner geheiratet, der wiederum aus Neusiedl am See zugezogen war. Zunächst wurden im Geschäft „Manufaktur- und Modewaren“ angeboten, nach dem Tod ihres Mannes führte Maria Leitner den Laden bis zu ihrem Tod 1936 weiter. Leitners Nachfolger wurde Karl Migschitz, der die Greißlerei die nächsten Jahrzehnte prägen sollte. Migschitz verstarb im Jahr 1973, Sohn Oswald (1934-2017) führte das Familiengeschäft fort und war der letzte „originale“ Greißler von Mannersdorf. Aus der Gemischtwarenhandlung wurde ein A&O-Markt mit teilweiser Selbstbedienung, den die Familie Migschitz-Sommer bis vor wenigen Jahren betrieb.

Die „Verschleißhandlung“ von Rudolf Swoboda befand sich im Eckhaus Hauptstraße 94. Rudolf wurde 1865 in Mannersdorf geboren und war der Sohn von Steinmetzmeister Josef Swoboda. Anders als der Vater wurde Rudolf Kaufmann und ehelichte im Jahr 1900 Amalia Janetschek aus Sommerein. Als zweites Kind des Paares kam 1904 Sohn Rudolf zur Welt, er wurde später Handelsangestellter und vermählte sich 1936 mit Johanna Kolb. Im Jahr 1938 verstarb Vater Rudolf Swoboda in hohem Alter, Sohn Rudolf verlor sein Leben im Zweiten Weltkrieg, so dass wohl die Nachfolge im Geschäft fehlte. Später wurde das niedrige Giebelhaus auf der Hauptstraße durch einen Neubau ersetzt, in dem lange Jahre die zweite Filiale der Fleischerei Teitzer untergebracht war.

Anna und Alois Knauer betrieben ihre Greißlerei im Haus Nr. 271, wo sie auch Munition und Spirituosen verkauften. Alois Knauer stammte aus Neudorf bei Mährisch Trübau/ Nová Ves u Moravské Třebové und kam offenbar über die Herrschaftsverwaltung nach Mannersdorf. 1898 heiratete er hier die Kaufmannswitwe Anna Bastari, deren Geschäft er dann leitete. Alois Knauer verstarb aber noch 1901 mit nur 33 Jahren, sodass er letztlich nur kurz in Mannersdorf tätig war. Seine Witwe Anna verließ später Mannersdorf und verstarb 1944 in Salzburg.

Die Familie Lukowitsch unterhielt an der Wienerstraße ein Geschäftslokal, vorher wurde dieses von den Familien Stahl und Hummel betrieben. Neben Lebensmitteln wurde hier auch mit Kohlen gehandelt. Wie Frieda Dunshirn noch wusste, war die Geschäftsfassade stets in Mitleidenschaft gezogen, da hier einst die schweren Steinfuhrwerke auf der schlecht befestigten Straße Richtung Wien vorbeifuhren. Die Familie Sollak hatte ihr kleines Geschäft an der Hauptstraße, wo sich heute das Sparkassengebäude befindet. Im Geschäft gab es neben Lebensmitteln auch Petroleum zu kaufen. Hilda Ackerls Greißlerei befand sich gleich gegenüber neben dem Schloss, im ehemals niedrigen Haus von Hauptstraße 50, an dessen Stelle heute das Stadthaus Kögl steht.

Heinrich Ondraschek hatte sein Geschäft an der Hauptstraße zwischen Apotheke und Schloss. Vor dem Haus unterhielt er eine kleine Shell-Tankstelle mit einer einzelnen Zapfsäule, die erste in Mannersdorf. Ondraschek (zunächst noch Ondraček) stammte aus Eisenberg an der March/Ruda nad Moravou im nördlichen Mähren, wo er 1864 zur Welt gekommen war. 1894 war er Geschäftsleiter des Konsumvereins in Ebergassing und nahm Theresia Sprang zur Frau, die aus Großpetersdorf stammte und damals in Hof wohnhaft war. Als 1896 Sohn Heinrich Georg Ignaz zur Welt kam, war das Ehepaar Ondraschek bereits in Mannersdorf Nr. 77 ansässig, wo Heinrich sen. auch als Gemeinderat und Obmann des katholischen Schulvereines tätig wurde. Sohn Heinrich jun. wurde später ebenso Kaufmann, während des Zweiten Weltkrieges kam er jedoch 1944 als Soldat ums Leben. Das Geschäft wurde von Familie Herzig übernommen, wo man in den 1960er-Jahren Schulsachen, Spielwaren und vieles mehr bekam. Johann Amsis fiel dazu eine Anekdote aus Hauptschultagen ein: „Eines Tages mussten wir für die Schule Heftumschläge in einer bestimmten Farbe und Redisfedern in bestimmten Größen besorgen. Eine ganze Schar Kinder kamen in das Geschäft der Herzigs und schon hieß es ‚Frau Herzig‘ hier und ‚Frau Herzig‘ da. Dann wurde die ‚herzige‘ Verkäuferin plötzlich ganz streng und sagte, ‚Kinder! Ich bin nicht die Frau Herzig, ich bin die Frau Kolb!‘. Nach betretenem Schweigen antwortete ein Schüler ganz schüchtern, ‚Jo! Frau Herzig!‘.“

 

Fortsetzung folgt …


Foto 1: Gemischtwarenhandlung von Anna Berthold in der Neustiftgasse (Archiv Karl Trenker)

Foto 2: Karl Bertholds Geschäft auf der Halterzeile (Archiv Karl Trenker/Herkunft Fr. Kandl)

Foto 3: Warenhaus von Anton Czuka in der Jägerzeile (Archiv Hans Amelin)

Foto 4: Verschleißhandlung von Rudolf Swoboda in der Hauptstraße beim Park, bei der Laterne das alte Ortsschild aus k. u. k. Zeiten (Archiv Hans Amelin)

Foto 5: Rechts das Geschäft von Heinrich Ondraschek mit der Zapfsäule davor, Blick Richtung Kreuzung Wiener Straße (Archiv Karl Trenker)

Foto 6: Nochmals das Geschäft von Heinrich Ondraschek mit der ersten Mannersdorfer Tankstelle

(Archiv Karl Trenker)

Foto 7: Hilde Ackerl in ihrem Geschäft in der Hauptstraße (Archiv Karl Trenker/Herkunft Fr. Riedinger)